Grenzen verschieben bedeutet, den Raum zu verlassen, in dem man sich wohl fühlt. Oft wird auch vom „Verlassen der Komfortzone“ gesprochen. Der Begriff ist mittlerweile jedoch recht abgedroschen und wird inflationär für alles verwendet, das irgendwie unangenehm sein könnte. Ich benutze den Begriff selbst nicht sehr gerne und dennoch komme ich beim heutigen Thema nicht drumrum. Warum stelle ich mich immer wieder verrückten Herausforderungen? Warum wandere ich 26 Stunden lang immer wieder auf ein und den selben Berg hoch? Oder fahre mit dem Mountainbike alle Freiburger Trails an einem Tag jeweils doppelt? Ja, um meine Komfortzone zu verlassen und meine persönlichen Grenzen zu verschieben. Was genau es damit auf sich hat, erkläre ich hier:

Das Leben ist ein Luftballon

Um zu verstehen, was ich damit erreichen will, ist das Sinnbild eines Luftballons perfekt: Ich stelle mir mein Leben wie einen Luftballon vor. Eine elastische Hülle, die zu Anfang schlaff und leer ist, die aber Atemzug für Atemzug mit Luft gefüllt werden kann und sich dadurch ausdehnt. Je mehr Luft ich in den Ballon puste, desto größer wird er – er wächst uns wächst. Sinnbildlich gesprochen ist für mich die Luft im Inneren gleichbedeutend mit meinen Lebenserfahrungen. Je mehr Erfahrungen ich mache, desto größer wird mein Luftballon, desto mehr wachse ich. Die Ballonhülle ist meine aktuelle persönliche Grenze, die es zu verschieben gilt, um mich persönlich weiterzuentwickeln. Der Raum außerhalb des Ballons sind Erlebnisse und Erfahrungen, Wissen und Entwicklungsmöglichkeiten, die es noch zu erkunden gibt, um persönlich weiter zu wachsen und den Luftballon meines Lebens weiter zu füllen.

Zu Beginn meines Lebens war der Ballon also noch ganz klein. Als ich auf die Welt kam, war jedes erste Erlebnis eine Herausforderung und davon gab es viele, jeden einzelnen Tag. Mit jedem Tag aber, den ich auf der Erde verbringe, vor Herausforderungen stehe und neue Erfahrungen mache, dehnt sich der Ballon ein kleines bisschen weiter aus, wird größer, expandiert in den Raum. Denn mit jedem Tag erweitert sich mein Erfahrungsschatz – das Innere meines Luftballons.

Am Anfang meines Lebens ging das noch rasant schnell. Als Baby und Kleinkind erleben wir jeden Tag Neues, machen Dinge zum ersten Mal, entwickeln uns weiter. Ob das der erste Kontakt mit Sonnenstrahlen ist, oder das erste Mal feste Nahrung zu uns zu nehmen – alles ist neu! Unser Luftballon dehnt sich durch diese Fülle an neuen Erlebnissen und Erfahrungen schnell aus. Je älter wir jedoch werden, desto mehr haben wir bereits gesehen und erlebt, desto mehr Erfahrungen haben wir bereits gesammelt und in unseren Luftballon gesteckt. Die Geschwindigkeit, mit der dieser sich ausdehnt – also die Geschwindigkeit, mit der wir uns selbst weiterentwickeln – nimmt ab. 

Den Luftballon weiter ausdehnen – Grenzen verschieben

Wir Menschen tendieren dazu, es uns in unserer Komfortzone gemütlich zu machen, nur noch Dinge zu erleben, die uns Spaß machen und die uns unterhalten. Viele Menschen scheuen sich vor unangenehmen Situationen, die aber letztlich dazu führen, dass wir uns weiterentwickeln. Wir werden scheu gegenüber neuen Herausforderungen und machen es uns in unserer Komfortzone bequem. Dadurch dehnt sich unser persönlicher Luftballon nicht mehr weiter aus, er erhält seine aktuelle Größe. Das fühlt sich in der Regel schön und sicher an, aber eben auch unspektakulär. Manche Menschen kommen mit diesem Zustand sehr gut zurecht, andere suchen sich von sich aus immer wieder Herausforderungen, um ihren Luftballon weiter auszudehnen, die persönlichen Grenzen weiter zu verschieben und die eigene Komfortzone bzw. den eigenen Erfahrungsschatz zu erweitern. 

Evolutionär bedingt?

Wenn ich mir die Entwicklung in der Outdoorbranche ansehe, dann gab es in den letzten Jahren einen großen Anstieg an Events, die uns aus unseren Komfortzonen locken sollen. Wir wandern 24 Stunden durch die Pampa, kriechen unter Stacheldrahtzaun durch den Matsch, oder wandern eben 8848 Höhenmeter auf den Schauinsland. Vielleicht es ganz tief in uns drin, dass wir eigentlich Herausforderungen in unserem Leben brauchen. Und wenn das Leben zu gemütlich geworden ist, nutzen wir eben Angebote, die uns aus der Reserve locken.

Wenn man sich die Geschichte der Menschheit ansieht, standen wir ständig – ja, tagtäglich – vor Herausforderungen, die uns physisch und mental zu Höchstleistungen zwangen. Wir liefen stunden- und tagelang einem Hirsch hinterher, um ihn dann aus nächster Nähe im Zweikampf zu erlegen. Das forderte nicht nur Mut und Ausdauer, sondern sorgte im Erfolgsfall auch für eine Ausschüttung an Glückshormonen. Ist es dieses Gefühl, das uns verloren gegangen ist, nach dem wir uns sehnen?

Lebenslanges wachsen

Ja, das Gefühl, ein Everesting geschafft zu haben, ist überwältigend. Es ist erhebend zu erfahren, was man mit seinem eigenen Körper und Geist leisten kann. Nach einem solchen Erlebnis erfährt mein Selbstbewusstsein einen Turboboost und ich habe das Gefühl, all meine Ziele erreichen zu können. Eine solche Herausforderung gemeistert zu haben, dehnt den eigenen Luftballon wie ein riesengroßer Atemzug.

Ich bin der Überzeugung, dass je größer der Luftballon ist, desto besser sind wir gewappnet für die Herausforderungen, die das Leben uns auf den Weg wirft. Je öfter wir uns also selbst gesetzten und geplanten Herausforderungen stellen, desto weniger können uns schwierige unerwartete Situation etwas anhaben.

Mein Ziel ist es, meinen persönlichen Luftballon mit Erfahrungen und Erlebnissen zu füllen und ihn wachsen zu lassen – mein Leben lang. Dafür suche ich mir Challenges, die sich in einem sicheren Rahmen durchführen lassen und die ich jederzeit abbrechen könnte, wenn es erforderlich wäre. Denn die Haut eines Luftballons muss man langsam ausdehnen, ebenso, wie man seine Grenzen langsam verschieben muss. Nimmt man sich zu viel auf einmal vor, läuft man Gefahr, dass der Luftballon platzt.

Rezept für die perfekte Challenge

  • Eine natürliche Umgebung. Die Natur an sich zeigt uns schon oft genug Grenzen auf und ist deshalb der perfekte Raum für Herausforderungen.
  • Eine einfache sportliche Aktivität. Wandern, radfahren, vielleicht auch schwimmen. Sportarten, die man sehr lange am Stück machen kann und bei denen erst die lange Dauer zur Erschöpfung führt, weniger die Aktivität selbst. 
  • Ein sicheres Setting. Mir geht es nicht darum, große Risiken einzugehen. Vielmehr möchte ich ein Setting, das es mir erlaubt, meiner Herausforderung nachzugehen, ohne mich in ernsthafte Gefahr zu bringen. 
  • Ein erreichbares Ziel. Es muss sichergestellt sein, dass ich das Ziel erreichen kann. Mit sehr viel Durchhaltevermögen.
  • Eine sehr lange Dauer. Je nach Challenge, aber mindestens 12 Stunden, besser 24+ Stunden. Je länger die Challenge dauert, desto schwieriger, aber auch desto erfüllender, wenn man es schafft. 
  • Schlafentzug. Eine Nacht durchzulaufen ist nicht nur eine völlig neue Erfahrung, sondern auch eine große Herausforderung. Gegen Erschöpfung und Müdigkeit kann man gut ankämpfen, aber es erfordert maximalen Willen. 

Meine bisherigen Challenges

Angefangen hat alles sicher mit dem Auswahlcamp für die Nordpolexpedition, an der ich als Jugendliche teilnehmen durfte. Der Abschluss des Camps war eine zweitägige „Schnitzeljagd“ durch die Berge im Berner Oberland. Zwei Tage wandern, Autoreifen auf Berge tragen, und durch tiefen Neuschnee stapfen. Da bin ich das erste Mal an meine physischen und mentalen Grenzen gestoßen und habe gelernt, wie viel mir das gibt.

Darauf folgte die Nordpolexpedition und insbesondere eine Tour, die wir von unserer Base in Resolute Bay aus unternahmen: 24 Stunden am Stück, ohne Schlaf. Meine erste Erfahrung, eine Nacht durchzumachen und dabei körperlich aktiv zu sein.

Während meines Auslandsaufenthaltes in den USA im Studium folgten dann zwei weitere große Herausforderungen: Das Purdue Outing Club Adventure Race, bei dem mein Team zwei komplette Tage und eineinhalb Nächte durchgelaufen ist, ohne lange Pausen, ohne Schlaf. Dazu Eiseskälte, Erschöpfung, Halluzinationen. Ein verrücktes Erlebnis!

Außerdem in den USA: Das Kanurennen Campus to Coast an der Michigan State University. 240 Kilometer vom Campus der Uni bis in den Lake Michigan. Dafür hat man in Zweier- oder Dreierteams 57 Stunden Zeit. Man entscheidet selbst, ob man schläft oder wann man schläft. Mein Team brauchte etwas mehr als 40 Stunden und schliefen in Schichten in der Mitte des Bootes. Ich konnte nicht glauben, wie lange ich ohne Schlaf auskommen kann!

Nach meiner Rückkehr folgte dann eine Wanderung rund um den Edersee im Nationalpark Kellerwald. Über 80 Kilometer wanderten wir an einem Tag und nach etwa der Hälfte schmerzt der Körper an Stellen, die man vorher noch nie mit Laufen in Verbindung gebracht hat. Beste Vorbereitung auf…

Everesting Nummer 1! In 26 Stunden 12 mal auf den Freiburger Schauinsland und dabei 8848 Höhenmeter erklimmen. Eine Challange der Superlative!

Aber solche Challenges kann man nicht nur im Sommer angehen – auch im Winter geht das! Es folgte eine 2000 Höhenmeter Skitour im Hochschwarzwald, bei der wir von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang Non-Stop unterwegs waren.

Und auch die Disziplinen kann man noch ausweiten: Die nächste Herausforderung war es, alle Freiburger Mountainbiketrail an einem Tag jeweils zwei Mal zu fahren. Eine Tour mit 4200 Höhenmetern, die wir das Freiburger 12erlei tauften.

Und weils so schön war, unternahm ich zuletzt ein erneutes Everesting am Schauinsland. Wobei das die bis dato härteste Challenge war und ich mir seitdem häufig die Frage gestellt habe, warum ich mich eigentlich solchen Strapazen aussetze. Aber die Antwort habe ich heute in meinem eigenen Blogartikel gefunden.

Wie gehts weiter?

Gute Frage. Ich habe noch eine Idee im Kopf, die ich gerne ausprobieren möchte, aber gleichzeitig schüchtert sie mich doch auch ganz schön ein. Aber ich habe mir vorgenommen, das Konzept im nächsten Frühling auszuprobieren und werde dann hier berichten. Habt ihr Ideen für weitere Challenges? Reizt euch das Thema? Was würdet ihr selbst gerne mal machen? Ich bin sehr gespannt, von euch zu lesen!

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