Was ist Everesting?

Everesting: So oft einen Berg erklimmen, bis man die Höhe des Mount Everest erreicht hat – 8848 Höhenmeter. Eine Challenge, die meistens von Rennradfahrern angenommen wird, man aber auch zu Fuß machen kann. Eine Herausforderung, die einen nicht nur physisch, sondern hauptsächlich mental fordert, denn irgendwann kommt man immer an den Punkt, aufhören zu wollen. Dann jedoch nicht aufzugeben, sondern sich zum Weitermachen zu zwingen, ist ein Erlebnis, wie man es nur selten findet. Das Gefühl, 8848 Höhenmeter aus eigener Kraft bewältigt zu haben, ist einfach unglaublich und führt einem vor Augen, was der eigene Körper und Geist leisten kann. Meiner Meinung nach eine Erfahrung, die jeder mal in irgendeiner Form machen sollte. 

Meine Everesting-Historie

Schon 2020 habe ich am Schauinsland ein Everesting gemacht. In 26 Stunden bin ich gemeinsam mit zwei Freundinnen insgesamt 12 Mal auf den Freiburger Hausberg gewandert, ohne Schlaf, durch die Nacht, hinein in den Sonnenaufgang. Es war hart, aber das berauschende Gefühl danach ließ mich schnell vergessen, wie hart es tatsächlich war. Und so hatte ich schon wenige Tage später Lust, dieses Event zu wiederholen. 

Ich setzte mir schon früh einen Termin für ein erneutes Everesting: das erste Juli Wochenende 2021. Anfang des Jahres fing ich dann an, neue MitstreiterInnen zu suchen und fand auch welche! Und so machten wir uns an einem Montag um 05.30 Uhr auf zum ersten Aufstieg von insgesamt zwölf. Was ich beim ersten Aufstieg noch nicht ahnte: Dass es diesmal noch schwieriger werden würde, als im letzten Jahr. Warum das so war? Ich bin mir nicht sicher, aber ich habe eine Vermutung. 

Das Everesting 2021

Gipfelbild erster Aufstieg
Der erste Aufstieg ist geschafft!

Der erste, zweite und dritte Aufstieg lief super. Gegen 11 Uhr dachten wir uns: “Wenn es so weitergeht, sind wir ja heute Abend fertig!” Ganz so lief es dann aber natürlich nicht, denn beim vierten Aufstieg fingen die ersten Wehwehchen an. Das Knie zwickt, die Leiste zieht, die Beine werden schwer. Irgendwann fingen die Sehnen in meinen Kniekehlen an, stark zu schmerzen, das Außenband im rechten Fuß tat weh. Und wir waren noch nicht einmal bei der Hälfte dessen, was wir uns vorgenommen hatten. 

Zu diesem Zeitpunkt dämmerte mir, dass dieses Everesting hart werden würde. Ohne es zu wollen, kreisten meine Gedanken unaufhörlich um die Tatsache, wie viele Aufstiege noch vor uns lagen, wie ich das jemals schaffen sollte, wie mir alles wehtat. Aber irgendwie war aufhören keine Option. Also liefen wir weiter, setzten einen Fuß vor den anderen und schafften so einen weiteren Aufstieg nach dem anderen.

Richtig hart wurde es dann, als die Sonne unterging und wir nur noch im Schein der Stirnlampen den Berg hinaufstiegen. Zum Glück hatten wir einige Unterstützer an unserer Seite, die mit uns wanderten, oder im Basislager mit leckerer Verpflegung und einer Massagepistole auf uns warteten. 

Everesting bei Nacht
Auch im Dunkeln ging es beim Everesting rauf auf den Schauinsland

Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass dieses Everesting eine wirkliche Quälerei war. Als wir nach 28 Stunden, 12 Aufstiegen, 80 Kilometern und 8950 Höhenmetern oben ankamen und unser Ziel erreicht hatten, konnten wir uns gar nicht richtig freuen. Wir waren einfach nur todmüde, kaputt und fertig. Mein Gedanke: “NIE WIEDER! Nie wieder ein Everesting, oder irgendetwas vergleichbares. NIE!”

Letzter Aufstieg beim Everesting
Der letzte Aufstieg ist geschafft!

Und danach?

Zu Hause angekommen schlief ich drei Stunden. Und plötzlich sah die Welt schon wieder ganz anders aus. Ich erwischte mich bei dem Gedanken, dass doch alles halb so wild war und hatte schon wieder Ideen für neue Herausforderungen im Kopf. Meine Beine schmerzten noch etwas, aber ich realisierte langsam, was wir da geschafft hatten: fast 9000 Höhenmeter! 

Am Tag darauf ging es mir schon wieder bestens. Mein Körper hat irgendwie die Fähigkeit, sich sehr schnell zu erholen und auch mein Geist verdrängt schon wieder vollkommen, welche Strapaze dieses Everesting war. Was bleibt ist ein Gefühl von Stolz, Selbstbewusstsein und dem Glauben, alles erreichen zu können, das ich mir als Ziel setze. 

Meine Learnings

  1. Sich mental auf die Herausforderung einzustellen, hilft. Ich habe den Fehler gemacht, dass ich dachte, alles wäre easy, denn ich habe es ja letztes Jahr schon mal geschafft. Diese Herangehensweise hat es dieses Jahr unglaublich schwer gemacht. 
  2. Wenn ich müde und erschöpft bin, ist es schwierig, positive Gedanken zu denken. Dennoch schaffe ich es irgendwie, weiterzumachen und nicht aufzugeben. 
  3. Verpflegung ist der Schlüssel zum Erfolg. Das richtige Essen ist bei einer solchen Herausforderung wahnsinnig wichtig. Und: Auch wenn man keinen Hunger hat, muss man sich zwingen zu essen und zu trinken. 
  4. Im Team ist alles einfacher. Alleine hätte ich diese Herausforderung nicht bewältigt und ich bin dankbar für meine Freunde, die sich von einer solchen verrückten Idee begeistern ließen. Entschuldigt bitte, dass ich euch nicht richtig darauf vorbereitet habe, wie hart es werden würde – ich wusste es selbst nicht mehr. 
  5. Mein Körper regeneriert extrem schnell. Sobald ich den Schlaf aufgeholt hatte, ging es mir schon wieder bestens. Das war letztes Jahr so, das war beim Freiburger 12erlei so und es war auch dieses Mal wieder so.
  6. Der Kopf verdrängt Negatives und behält nur die positiven Erinnerungen. Deshalb hier als Erinnerung an mich selbst: Es war wirklich hart, verdammt hart sogar. Aber das Hochgefühl am Tag darauf entschädigt für die Strapazen. 
  7. Meine eigenen Grenzen kennenzulernen, wertzuschätzen und zu verschieben ist mein Weg, mich weiterzuentwickeln. Und ich bin der festen Überzeugung, jeder sollte eine solche Erfahrung einmal machen. 

3 Comments

  1. Pingback: Luftballons aufpusten - oder persönliche Grenzen verschieben

  2. Wow! Was für eine Herausforderung! Ich glaube mir würde am meisten der mangelnde Schlaf zu schaffen machen…d darauf reagiere ich immer recht empfindlich.
    Aber ich kann mir vorstellen, dass das Gefühl nach dieser geschafften Challenge wirklich unglaublich ist!

    • Hi Christine!

      Ja, der Schlafmangel ist tatsächlich nicht zu unterschätzen. Mir geht es meistens so, dass alles in Ordnung ist, solange ich in Bewegung bin. Wenn ich mich dann aber während der Pause hinsetze, erwischt mich die Müdigkeit mit voller Wucht. Zum Glück kann man mangelnden Schlaf dann nach erfolgreicher Herausforderung recht schnell wieder nachholen 🙂

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