Ist es sinnvoll, einen sicheren und unbefristeten Job zu kündigen, während die Welt in einer tiefen Krise steckt? Während Menschen ihre Arbeit verlieren und andere regelmäßig an ihre Belastungsgrenze kommen? In einer Zeit, in der man nicht frei reisen darf, sich nicht frei bewegen kann? Kann ich es wagen, einen Job hinter mir zu lassen, der finanzielle Sicherheit bedeutet und noch dazu eigentlich wie gemacht ist für diese Zeit? Ein Job, der in meiner absoluten Traumbranche ist, mit Kollegen, die zu Freunden geworden sind? Die Antwort ist: Ja, es ergibt Sinn und für mich war es das einzige Richtige in dieser Situation.

Meine Situation vor der Kündigung

Auf dem Papier habe ich meinen absoluten Traumjob. Ich habe mit Menschen zu tun, die ebenso gerne draußen sind wie ich und meine Kollegen und Kolleginnen sind über die Monate zu Freunden geworden. Ich habe flexible Arbeitszeiten, und damit viele Freiheiten, z.B. vor der Arbeit schon eine Runde Radfahren zu gehen.

Der Rahmenbedingungen sind also perfekt und ich fühle mich im Unternehmen selbst super wohl. Ich identifiziere mich mit der Vision des Unternehmens und stehe absolut hinter dem Produkt. Aus dieser Perspektive betrachtet wäre es also Humbug, einen solchen Traumjob zu kündigen und ich habe Wochen und Monate mit mir gehadert.

Und obwohl ich das Unternehmen, die Leute, die Vision, das Produkt, das Arbeitsumfeld einfach liebe, hat die Arbeit an sich und meine Aufgaben nicht zu mir gepasst. Für andere Menschen mag das der perfekte Job sein und die Aufgaben genau richtig, für mich war sie es leider nicht.

Schon nach einigen Monaten auf meiner Position stellte ich fest, dass mir langweilig wurde. Ich hatte zwar an manchen Tagen schon viel zu tun, aber Aufgaben, die mich nicht herausforderten. Schon in der Uni mochte ich es am liebsten, wenn ich mich richtig anstrengen muss, um mein Ziel zu erreichen. Wenn die Arbeit aus Routineaufgaben besteht, komme ich damit nicht zurecht. Ich versuchte also, mir selbst neue Aufgaben zu suchen, die mich forderten. Ich brachte mich proaktiv ein, startete neue Projekte, versuchte, mir meine eigenen Challenges zu stellen. Aber irgendwann ging es auch da nicht mehr weiter, die neuen Projekte hatten sich zwar gut entwickelt, waren dadurch aber auch zur Routine geworden. Meine Aufgaben lasteten mich nicht mehr aus, ich wurde immer unzufriedener.

Nach einer Weile merkte ich, wie ich immer lustloser wurde und mich Gedanken an meine Arbeit frustrierten. Ich hatte Schwierigkeiten, morgens aus dem Bett zu kommen, schlief länger, als mir eigentlich gut tat und ging dann direkt vom Bad an meinen Laptop. Ich erschrak über mich selbst, wie wenig Antrieb ich hatte, wie es mir schwer fiel, morgens aufzustehen und mich auf den Tag zu freuen. Ich hatte all meine Energie und Motivation, die normalerweise ein fester Bestandteil meiner Persönlichkeit sind, verloren und das zu realisieren, machte mir Angst. 

Ich bin ein Mensch, der Herausforderungen braucht, um sein volles Potenzial zu entfalten und glücklich zu sein. Tatsächlich erinnere ich mich noch ziemlich genau, dass ich eben dies auch in meinem Bewerbungsgespräch für die Stelle erzählt hatte. Ich brauche das Gefühl, gefordert zu sein und meinen Kopf anstrengen zu müssen. Repetitive Aufgaben langweilen mich und saugen alle Energie aus mir heraus. Ich habe das Gefühl, mein Potenzial zu verschwenden, auf der Stelle zu treten und nicht vorwärts zu kommen.

So ging es mehrere Monate. Die Situation mit Corona machte es sicher nicht besser, ich fühlte mich gelangweilt und ohne Reize und Input von außen. Es passierte regelmäßig, dass ich abends in Tränen ausbrach und mein Freund gar nicht richtig wusste, was mit mir los war. Einer dieser Breakdowns führte letztlich dazu, dass wir gemeinsam entschieden: So kann es nicht weitergehen. Ich muss etwas an meiner Situation ändern.

Es kostete mich viel Mut und Überwindung, diesen Schritt zu machen, denn es macht mir Angst, keinen Plan zu haben, wie es weitergeht. Bisher hatte ich in meinem Leben immer eine Ahnung, wie ich weitermachen würde. Von der Uni gings ins Praktikum, vom Praktium in meinen ersten Job, von meinem ersten Job in den zweiten Job. Ohne Pause, ohne Reflektion, ohne Zeit, auf mich selbst und meine Bedürfnisse zu hören. Aber auch ohne Angst, nicht weiterzuwissen.

Ich beschloss, dass es Zeit war, mich dieser Angst zu stellen und aus genau dieser Situation zu lernen. Was macht es mit mir, wenn ich mal keinen Plan A, B und C parat habe? Wenn ich einen sicheren Arbeitsplatz verlasse und ohne festes Einkommen auf mich selbst gestellt bin? Kann ich das? Ist es vielleicht sogar das, was ich schon immer wollte?

Direkt nach Einreichung meiner Kündigung verspürte ich eine unfassbare Erleichterung. Ich hatte plötzlich das Gefühl, die Welt stehe mir offen und ich könne von nun an tun, was ich wolle. Dieses Gefühl hatte ich zuletzt vor 10 Jahren gespürt, als ich mit der Schule fertig war. Wo war es hin verschwunden? 

Das Boreout

In den Wochen vor meiner Kündigung hatte ich angefangen, zum Thema “Langeweile und Unterforderung im Job” zu recherchieren und war auf den Begriff “Boreout” gestoßen. Im Gegensatz zum allseits bekannten und anerkannten Burnout, das durch Überforderung und Überarbeitung zu Depressionen führen kann, kann zwar das Boreout zu ähnlichen Symptomen führen, hat aber einen konträren Ursprung und ist bisher nicht richtig bekannt oder gar anerkannt. Anstatt sich gestresst und überfordert zu fühlen, sind Betroffene gelangweilt und unterfordert von ihren Aufgaben. Sie haben das Gefühl, ihr Potenzial nicht nutzen zu können und damit ihre Lebenszeit zu verschwenden. 

In den letzten Monaten wurde vermehrt über das Thema berichtet, vielleicht auch, weil das ständige Arbeiten im Homeoffice während der Corona-Krise noch mehr zu Tage fördert, dass es Menschen gibt, die von ihrem Job gelangweilt sind und dadurch krank werden. Hatte man früher noch die Möglichkeit, sich in der Kaffeeküche oder durch Gespräche mit den Kollegen abzulenken, bleibt im Homeoffice oft nur die Hausarbeit oder das gelangweilte Surfen im Internet. 

Gleichzeitig versuchen Boreout-Betroffene, beschäftigt und gefordert zu wirken, um nicht unangenehm aufzufallen und im schlimmsten Fall noch mehr langweilige Aufgaben übertragen zu bekommen. Auch das kenne ich von mir selbst: Ich hatte immer Sorge, weitere Aufgaben erledigen zu müssen, die mich zwar zeitlich beschäftigen, mich aber nicht herausfordern oder meinen Hirnschmalz benötigen. Also tat ich so, als wäre ich genauso gut ausgelastet und zufrieden wie meine Kollegen. Ich hatte das Gefühl, mein Können und mein Potenzial liege brach.

Laut einer Studie der Schweizer Unternehmensberater Philippe Rothlin und Peter Werder entsteht durch dieses ungenutzte Potenzial mancher Mitarbeitenden allein in Deutschland ein geschätzter wirtschaftlicher Gesamtschaden von über 250 Milliarden Euro im Jahr – wir können es uns als Gesellschaft allein aus diesem Grunde gar nicht leisten, dass Menschen im Beruf unter Langeweile und Unterforderung leiden und dadurch resignieren und krank werden.

Im Nachhinein ergab vieles für mich einen Sinn. Ich hatte mich oft gefragt, ob ich das Problem bin. Warum meine Kolleginnen und Kollegen glücklich zu sein scheinen, ausgelastet sind und in ihrer Arbeit aufgehen. Mittlerweile ist mir klar geworden, dass ich einfach nicht für den Job gemacht war. Ich brauche eine Aufgabe, die mich fordert, vielleicht sogar in kurzen Phasen überfordert. Ich möchte knobeln, tüfteln, mich in ein neues Themengebiet „reinfuchsen“, bis ich zum Erfolg komme. Routineaufgaben langweilen mich und entziehen mir all meine Energie und intrinsische Motivation.

Die Entscheidung, zu kündigen

Über mehrere Wochen beschäftigte ich mich sehr intensiv mit mir selbst. Ich kaufte mir ein Notizbuch, schrieb meine Gedanken auf, hörte in mich selbst hinein und versuchte besser zu verstehen, wer ich bin, was mich ausmacht und was ich im Leben erreichen möchte. Diese tiefe Reflektion, sowie Gespräche darüber mit Freunden und Familie, half mir extrem, meine Entscheidung zur Kündigung zu treffen und auch zu dieser Entscheidung zu stehen. Auch als mir neue Angebote und Versprechungen gemacht wurden, konnte ich mich immer wieder auf meine Notizen berufen und mir dadurch sicher sein, die richtige Entscheidung getroffen zu haben und keinen Rückzieher zu machen.

Hier sind einige der Themen, über die ich intensiv nachgedacht habe und zu denen ich viel geschrieben habe:

  • Was macht mir Spaß, was bereitet mir Freude?
  • Welcher rote Faden zieht sich durch die letzten 10 Jahre meines Lebens?
  • Was sind meine Lebensziele? Was möchte ich erreichen?
  • Wie möchte ich wohnen/leben?
  • Was wünsche ich mir von meinem Job?
  • Wer bin ich – in einem Satz?
  • Was möchte ich gerne lernen?
  • Wovon träume ich?
  • Wovor habe ich Angst? Und warum habe ich davor Angst?

Was mir auch total geholfen hat: 

  • 60 Dingen über mich

In Form einer Liste habe ich 60 Dinge über mich aufgeschrieben. Das waren Eigenschaften, aber auch Dinge, die mir wichtig sind. Anschließend habe ich ein paar Freunde und Familienmitglieder gefragt, ebenfalls 60 Dinge über mich aufzuschreiben und habe alle Listen verglichen. Es war total interessant zu lesen, was andere Menschen in mir sehen, das ich selbst vielleicht bisher nicht erkannt habe. Oder auch Dinge, die sich überschneiden. 

Die Situation reflektieren, in der ich mich befinde:

  • Was fehlt mir in meinem Alltag?
  • Was fehlt mir in meinem Job?
  • Was müsste sich ändern, damit ich glücklicher und zufriedener wäre?
  • Kann ich meine Situation selbst beeinflussen?
  • Wer kann mir helfen?
  • Wie lange kann ich ohne festes Einkommen leben, bevor mein Erspartes aufgebraucht ist?

Ich habe mich über mehrere Wochen gezwungen, morgens nicht mehr lange zu schlafen, sondern um 7 Uhr aufzustehen und Dinge zu tun, die mir selbst gut tun. Ich habe Yoga gemacht, war Radfahren, habe gelesen oder Podcasts gehört. Manchmal bin ich auch einfach in der Sonne spazieren gegangen. Das tat mir in zweierlei Hinsicht gut:

  1. Ich hatte schon vor der Arbeit etwas für mich gemacht und damit das Gefühl, den Tag richtig gestartet zu haben. Wenn ich vor der Arbeit am Laptop schon Zeit für mich selbst hatte, fiel es mir leichter, den Rest des Tages Aufgaben zu erledigen, die mich langweilten.
  2. Ich konnte die Zeit nutzen, um mir die Reize und den Input zu holen, der mir auf der Arbeit fehlte. Ich hörte Podcasts zu Themen, die mich interessierten und ich holte mir ein Abo der App Blinkist und hörte die Zusammenfassungen Unmengen von Sachbüchern an. So bekam ich neue Denkanstöße, dachte über Themen nach, die mich zwar interessieren, mit denen ich aber im Alltag keine Kontaktpunkte habe. Das hat ein bisschen kompensiert, dass mir Herausforderungen und Reize im Job fehlten.

Die Zeit am Morgen nur für mich war gut für meine Grundstimmung. Für ein paar Wochen war ich wieder motivierter und glücklicher. Leider hat das aber nicht allzu lange angehalten und die Frustration im Job gewann wieder die Oberhand. Dennoch war dieses „Experiment“ nicht unnütz: Ich stehe weiterhin früher auf und nehme mir Zeit für mich. Und ich habe in diesen Wochen sehr viel nachgedacht und geschrieben, was mir letztlich bei meiner Entscheidungsfindung geholfen hat.

Weisheiten, die mich bestärkt haben, meinen Weg zu gehen

Zusätzlich zum Blinkist, Podcast hören und Schreiben habe ich auch viel gelesen. Das hat meine Gedanken angeregt und mir neue Impulse gegeben. Ich habe mich mit dem Lebensweg von Menschen beschäftigt, die ihrer Berufung gefolgt sind und dabei keine Risiken gescheut haben. Hier sind drei Sätze, die ich mir immer und immer wieder durchgelesen habe:

The bigger the risk, the greater the reward.

Jesse Itzler

Any success takes one in a row. Do one thing well, then another. Over and over until the end, then it’s oneinarow again.

Matthew McConaughey

Ich bin für das Erreichen meiner Träume und Ziele selbst verantwortlich. Andere Menschen werden mir dabei helfen, aber es liegt an mir selbst. Je früher ich damit anfange, desto mehr Zeit habe ich. Der richtige Zeitpunkt anzufangen ist JETZT.

Die Welt ist dein Spielplatz

Seitdem ich meine Entscheidung getroffen und meine Kündigung eingereicht habe, fühle ich mich so gut wie schon lange nicht mehr. Ich bin fröhlicher, ich stehe morgens wieder viel leichter auf, ich lache mehr und ich strahle diese positive Energie aus, die einfach zu mir gehört. Auch meine Familie und Freunde merken den Unterschied. Wenn ich von meiner Kündigung erzähle, ist die typische Reaktion: “Endlich, Sasi! Find ich richtig stark, herzlichen Glückwunsch!” Und das bestärkt mich zusätzlich, dass es die richtige Entscheidung war.

Nun steht mir die Welt offen! Zumindest teilweise. Corona ist immer noch eine gewisse Einschränkung und ich werde nun sicher keine Weltreise machen. Aber ich nehme mir vor, so viel Zeit wie möglich draußen zu verbringen. Auf dem Rad, zu Fuß, in der Natur. Egal ob das im Schwarzwald ist, in den Vogesen oder in der Schweiz. Ob ich es bis nach Schweden schaffe oder in Deutschland bleibe. Hauptsache, ich bin draußen und habe Zeit, all die Dinge zu tun, die ich schon lange mal machen wollte.

Ich möchte erleben, mich meinen Ängsten stellen, Herausforderungen annehmen. Neues Lernen und persönlich wachsen. Helfen, mich einbringen, Sinnvolles tun. Und ich möchte von meinen Erfahrungen berichten, um andere Leute in einer ähnlichen Situation zu ermutigen, das Risiko einzugehen und etwas Neues zu wagen. Die Welt steht uns offen. 

11 Comments

  1. Super Artikel Saskia und obwohl ich meinen Buddy hart vermisse, freu ich mich RIESIG für dich, dass du diesen mutigen Schritt gemacht hast. 🤗

  2. Pingback: Mein erster Bikepacking Trip mit Übernachtung im Schwarzwald - Saskimo

    • Thanks for reading it, Dima! Let’s see what else life has to offer besides office jobs 😉

  3. Hmm, ich zitiere Dich: „ Es kostete mich viel Mut und Überwindung, diesen Schritt zu machen, denn es macht mir Angst, keinen Plan zu haben, wie es weitergeht.“
    Ich glaube, die besten Abenteuer beginnen mit Mut und nicht mit Plänen.
    Um so mehr ist Dein Mut bemerkenswert, mit welchem Du dieses Abenteuer eingeleitet hast.
    Gerne wünsche ich Dir nur das Beste.
    GLG B@

    • Danke dir, Beat! Du hast vollkommen recht und rational betrachtet stimme ich dir vollkommen zu. Aber eine leise Stimme in meinem Inneren flüstert dennoch, dass ich aufgeregt und nervös bin, vielleicht sogar ein bisschen Angst habe. Die Vorstellung, dass ich ab nächster Woche keinen Job mehr habe, ist doch irgendwie ein bisschen besorgniserregend. Aber ich werde versuchen, mich so gut es geht abzulenken und einfach viel unterwegs zu sein! Und dann ergeben sich hoffentlich immer wieder neue Möglichkeiten für Projekte 🙂

    • Danke dir vielmals Torsten! Dir auch viel Erfolg mit all deinen Projekten und vielleicht laufen wir uns mal auf Trail über den Weg 🙂

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